Ein kleiner Auszug als Appetitanreger aus meinem neuen historischen Roman „Die Witwenhochzeit“!

Der Roman erscheint am 14. Juli 2024 und kann noch vorbestellt werden!

»Wenn das wahr ist, was Sie mir da erzählt haben …« Der Herzog schüttelte fassungslos den Kopf. »Und mein Sohn soll daran beteiligt gewesen sein? Mein Gott …«
»Sicher nicht absichtlich«, beruhigte Giles ihn. »Er war jung, ein Heißsporn und geriet vermutlich durch Zufall in diese Geschichte. Werden Sie mir helfen?«
»Selbstverständlich. Sie bekommen jede Unterstützung von mir, die Sie brauchen. Sie erwähnten Horace Ashington. Hat der etwa auch etwas damit zu tun? Ich kannte ihn früher recht gut, wissen Sie. Wir haben die Kavalierstour zusammen gemacht. Leider ergab er sich der Trunksucht. Und dann heiratete er auch noch dieses halbe Kind. Ich habe nie verstanden, warum. Sein Verstand geriet durch den verteufelten Alkohol langsam aus den Fugen.«
Ja. Das und noch einiges mehr. Laut sagte Giles: »Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, dass Sie mir Ihre Zeit gewidmet haben, Galway. Wenn ich etwas Neues herausfinde, so lasse ich Ihnen eine Nachricht zukommen.«
Der Herzog war einverstanden und Giles nickte seinem Bruder zu, zum Zeichen, dass sie jetzt gehen sollten.

Kaum waren sie wieder im Ballsaal, sagte Charles: »Armer Teufel. Viel erfahren haben wir aber leider nicht.«
»Geduld. Es ist wie ein Mosaik. Ein Steinchen hier, eines an einer anderen Stelle. Bald sehen wir das ganze Bild vor uns. Ich muss mich auf Hawkins verlassen, möglicherweise hat er mehr Erfolg. Sieh nur, Lucius ist zurück.« Giles durchquerte mit großen Schritten den Saal und informierte seinen Freund mit knappen Sätzen über die Unterredung mit dem Herzog.
»Hm. Nicht sehr ergiebig, wie?«, bemerkte Lucius. »Dieser Selwyn scheint wie ein Fisch zu sein. Kaum hat man ihn in den Fingern, entgleitet er einem auch schon wieder. Wer könnte uns noch Informationen über ihn liefern?«
»Lady Ashington?«, warf Charles ein.
»Nein. Auf keinen Fall«, sagte Giles entschieden. »Ich bin mir sicher, sie weiß nichts und ich möchte sie nicht unnötig in Gefahr bringen. Warten wir auf Hawkins.«
Sie fuhren zum St. James Square zurück. Mittlerweile rief der Nachtwächter die vierte Morgenstunde aus. Giles zog sich in den Salon zurück, um bei einem Glas Wein zu entspannen. Der Abend war sehr aufschlussreich gewesen und zu viel ging ihm noch im Kopf herum, als dass er seiner Müdigkeit hätte nachgeben und zu Bett gehen können.
Lucius gesellte sich kurz darauf zu ihm. »Ich konnte Charles gerade noch davon abhalten zum Jagdhaus zu reiten. Er ist jetzt schlafen gegangen.«
»Hawkins wird ohnehin nicht da sein, denke ich. Setz dich, mein Freund, ich versuche gerade, meine Gedanken zu ordnen.«
»Und dabei soll ich dir helfen?«, erkundigte er sich.
»Wenn du kannst. Hast du die Damen wohlbehalten abgeliefert?«
Sein Freund hob nur die Brauen und Giles lächelte. »Du hast mich heute überrascht, gebe ich zu.«
»Wegen Charlotte? Du hast doch keine Einwände?«
»Nein, und das stände mir auch nicht zu. Ich wünsche dir wirklich alles Glück mit Charlotte, mein Freund.«
Lucius betrachtete ihn ernst. »Danke. Ich hoffe auch für dich, dass du wieder glücklich wirst.«
Giles Blick wanderte zu dem Porträt seiner Frau. »Es ehrt dich, Lucius, dass du dir Sorgen um mich machst. Aber ich kann dich beruhigen, ich bin mit meinem Leben recht zufrieden.«
»Hm, dann bilde ich mir wohl bloß ein, dass du Lady Ashington mit anderen Augen siehst als noch vor einigen Tagen?«
»Ich gebe zu, dass ich Jennifer falsch eingeschätzt habe, aber Clarissa wird sie niemals ersetzen können!«
»Wer redet denn davon? Ist ein Herz – dein Herz! – nicht groß genug, Clarissas Liebe in Ehren zu halten, und doch auch Liebe für eine Frau wie Jennifer zu empfinden?«

Giles schwieg dazu. Er neigte nicht dazu sich, oder seinen besten Freund zu belügen, doch war er sich seiner Gefühle, was die hübsche Witwe betraf, längst nicht mehr sicher. Ihre grünen Katzenaugen, die mal vor Zorn, mal vor Belustigung sprühen konnten, schienen einen seltsamen Bann auf ihn auszuüben. Natürlich war es keine Liebe, die er für sie empfand, aber Anziehung? Oh ja! Sie war so ganz anders, als seine sanfte stille Clarissa es gewesen war.
»Nun, ich hatte vorhin jedenfalls den Eindruck, dass ihr beiden euch recht gut verstanden habt. Ich habe euch tanzen sehen. Walzer.«
Giles wusste, worauf er anspielte. Seit dem Tod seiner Frau hatte er nie wieder Walzer getanzt. Es war Clarissas Lieblingstanz gewesen. »Zufall«, murmelte er und sah Lucius dabei nicht an. »Sie war aufgebracht und verängstigt wegen Selwyns ungehobelten Benehmens. Sie zum Tanzen aufzufordern, schien mir das beste Mittel zu sein, um ihre Nerven etwas zu beruhigen.«
Sein Freund seufzte und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du bist ein entsetzlicher Sturkopf, Giles. Wenn du einen Rat von mir annehmen willst, so ergreife die Chance, die sich dir bietet.«
»Jennifer? Ich bezweifle, dass sie das genauso sieht. Sie begegnet mir mit Angst und Misstrauen. Das ist keine gute Basis für eine Freundschaft, geschweige denn für eine Ehe.« Er verschwieg die Befürchtung Jennifers, dass sie, im Falle sie sich unter seinen Schutz begeben würde, sie in den Augen des ton als seine Mätresse gelten könnte. Das hatte ihn mehr erschüttert, als er es sich hatte anmerken lassen.
»Wundert dich das etwa? Bedenke, was sie mit einem Mann wie Horace Ashington durchmachen musste. Charlotte berichtete mir von einigen Vorkommnissen auf Ashington Park, die ihr Lady Ashington anvertraut hatte. Nicht viel, denn sie wollte das Vertrauen ihrer Cousine nicht missbrauchen, macht sich aber große Sorgen um sie.«
»Nun, ich bin nicht Horace Ashington«, erklärte Giles heftig.
»Ich weiß das. Aber bedenke doch bitte deinen Ruf. Woher soll Lady Ashington wissen, wer du wirklich bist? Welche Absichten du im Hinblick auf sie hegst?«
Er starrte seinen Freund ungläubig an. »Sie ist eine Frau mit Verstand, Herrgott noch mal! Sie kann mich unmöglich mit Horace Ashington vergleichen.« Giles verstummte und stürzte sich den Brandy in die Kehle.
»Versetz dich in ihre Lage.«
Giles schwieg. Natürlich wusste er, wie die Gesellschaft von ihm dachte, er kannte den Spitznamen nicht nur, den sie ihm gegeben hatten. Seit Clarissas Tod hatte er nichts unversucht gelassen, um diesem Namen gerecht zu werden. Das Gerede kümmerte ihn nie, er tat es mit einem Lächeln ab, da er wusste, dass es ihm verziehen wurde. Sein Titel, sein Einfluss und nicht zuletzt sein Reichtum schützten ihn vor der Missachtung der Gesellschaft. Zum ersten Mal schämte er sich nun dafür. »Was soll ich tun?«, fragte er ratlos. »Mich zurückziehen und Selwyn kampflos das Feld überlassen?«
Lucius lächelte vielsagend. »Dass du das nicht tun wirst, musst du mir nicht erst sagen. Du bist kein Feigling. Nur, bitte überdenke deine Pläne noch einmal. Gründlich. Bevor du eine Entscheidung triffst, die euch beide vielleicht unglücklich macht.«
Er ließ seine Worte wirken, doch Giles zuckte nur hilflos mit den Schultern. Als er sich entschlossen hatte, wieder zu heiraten und Jennifer als zukünftige Braut auserwählt hatte, da hatte er es für eine gute Idee gehalten. Eine Ehe, wie er sie im Sinn gehabt hatte, war schließlich in Adelskreisen üblich. Liebesheiraten dagegen verpönt. Seine Heirat mit der schönen Clarissa, der jüngsten Tochter eines Baronets, hatte daher damals auch viel Staub aufgewirbelt. Arme Clarissa … sie hatte sehr unter dem Klatsch gelitten. So wie es Jennifer jetzt auch tat, doch Giles redete sich ein, dass er ihr aus reiner Ritterlichkeit helfen wollte. Tiefere Gefühle waren keine im Spiel.
»Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen, mein Freund. Das bringt heute nichts mehr«, meinte Lucius, der ihn sorgenvoll beobachtet hatte. »Ich gehe jetzt schlafen und du solltest das auch tun.«
Giles sah zu seinem Freund hoch und lächelte müde. »Ja, du hast wohl recht. Heute Nacht werde ich keine Entscheidungen mehr treffen können.«

Später, nachdem Henry ihm ins Nachtgewand geholfen und sich in seine Kammer neben seinem Schlafgemach zurückgezogen hatte, löschte Giles die Kerzen und stieg ins Bett. Bevor ihn aber der Schlaf übermannte, dachte er, dass sein Leben in letzter Zeit ganz schön kompliziert geworden war. Eine Verschwörung, die offenbar bis in königliche Kreise reichte, eine schöne Witwe, die ihn mehr beeindruckte und faszinierte, als er es sich selbst eingestehen wollte, und sein Bruder Charles, der sich mit einem Straßenräuber zusammengetan hatte, um ausgerechnet die Kutsche des größten Geizhalses von London zu überfallen! »Gebe Gott, dass nicht noch mehr solcher Überraschungen auf mich warten!« Mit diesen Worten schlief er endlich ein.

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